Die Suppenschüssel

Die Suppenschüssel

Der Flughafen von La Paz ist eigentlich in El Alto – eine Stadt welche nochmal 400 Meter höher liegt, also ca. auf 4100m. Irgendwie sind El Alto und La Paz aber zu einem einzigen riesigen Moloch verwachsen.

Der Anblick von El Alto aus hinunter auf La Paz hat uns die Sprache verschlagen. Wir saßen im Taxi und unsere Kinnladen ploppten mit einem lauten “Woooohh” hinunter. Der Taxifahrer stoppte und lachte, so dass wir gleich ein paar Fotos schießen konnten. Das ist ihm wohl nicht zum ersten Mal passiert.

Blick runter in die Stadt

Man muss sich La Paz wie eine riesige Suppenschüssel vorstellen: in der Mitte eine stinkende Brühe aus lärmendem Verkehr, engen Straßen, flippigen Märkten, alten und verfallenen sowie neuen modernen Häusern. “Favelas” mit halbfertigen Ziegelhäuschen mit Wellblechdächern schlängeln sich am Rand die steilen Klippen der Schüssel hinauf. Und oben am Rand wurden auch die letzten Zentimeter vor den steil abfallenden Klippen von El Alto bebaut. Smog und Mock sammeln sich in der Schüssel und machen das Atmen vorallem am Nachmittag schwer. Aber das Beste kommt noch: seit 5 Jahren werden in der gesamten Stadt Seilbahnen gebaut (natürlich von einem österreichischen Unternehmen), die die wichtigsten Zentren miteinander verbinden. Mittlerweile sind 8 verschiedene Linien in Betrieb. Somit besitzt La Paz das größte städtische Seilbahnnetz der Welt. Mit den Seilbahnen über die Häuserschluchten zu schweben ist wahrhaftig ein einmaliges Erlebnis. Die Schüssel selbst nach oben zu laufen ist übrigens nur was für Extremsportler.

Moderne teleférico station
Häuser am Rand der Klippen
Auf den Straßen
Verfallene Fassaden
Die teleférico schwebt über einem Markt

Wenn man durch die Stadt zieht, nimmt man sich am besten einige Schichten Klamotten und literweise Sonnencreme mit. Die Sonne ist in diesen Höhenlagen unbarmherzig. Ziehen jedoch Wolken auf oder wird es Nacht, dann wird es schlagartig kalt. Leider sind die meisten Häuser (auch unser Hostel) überhaupt nicht isoliert (36er Ziegel? 3-fach Verglasung?? Heizung??? Nix da!). Nachts kratzen die Temperaturen am Nullpunkt und so waren etliche Decken, sämtliche Pullis und sogar Mützen und Schals im Bett Standard.

Präsidenten haben’s schwer

Bei einer Stadtführung erfuhren wir einiges über die Kultur der Stadt und auch (unter vorgehaltener Hand) etwas über das politische System. Wir gingen mit den Führern in abgeschlossene Räume, um über den aktuellen Präsidenten und seine Politik zu reden, da sich auf der Straße niemand wirklich traut, Meinungen offen zu diskutieren – obwohl wir den Eindruck haben, dass der aktuelle Präsident noch einer der Besseren ist. Einen der alten Präsidenten hat das Volk wohl schon (noch nicht so lange her) mitten in La Paz an einem Baum aufgeknüpft. Und wegen dem Präsidenten der danach kam, beschossen sich Polizei und Militär mit Scharfschützengewehren ebenfalls mitten in La Paz (auch erst ca. 15 Jahre her – die Einschusslöcher sieht man noch).

Links der Präsidentenpalast, von da aus wurde auf den Platz und auf das grüne Gebäude unten gefeuert

Der krasseste Knast der Welt

Wer ganz fies Scheisse baut, der landet im berühmt berüchtigten Gefängnis San Pedro. Wegen dem Mangel an Sicherheitskräften ist dieser Schuppen alles andere als ausbruchssicher und zudem liegt er mitten in der Stadt. Die Gefangenen wollen aber gar nicht raus… denn innerhalb der Mauern existiert eine eigene rechtsfreie Gesellschaft – Gefangene wohnen dort mitsamt Kind und Kegel und die Größe der Zelle richtet sich nach der Miete die man zahlt (es herrscht hier sowas wie ein freier Wohnungsmarkt). Die Insassen betreiben hinter den Mauern Restaurants, Frisöre, Apotheken etc., aber auch anderes Gewerbe (nennen wir es “Zuckerproduktion”). Ab und an fliegen mit “Zucker” befüllte Windeln über die Mauern, bereit zur Abholung. Niemand käme schließlich auf die Idee eine volle Windel von der Straße aufzusammeln, außer diejenigen die wissen was drin ist. Früher gab es übrigens Führungen (vom Lonely Planet empfohlen) durch das Gefängnis, aber als einige Touristen nicht mehr raus kamen, wurde das verboten… auch Fotos jeglicher Art sind jetzt untersagt – das Militär zwang mich sogar ein Foto der Außenmauer unter ihrer Aufsicht wieder zu löschen. Mehr Stories zum krassesten Knast der Welt z.b. hier: Focus.

Hex Hex

Ein weiteres kurioses Highlight war der Hexenmarkt, oder besser noch die Geschichten dazu. Getrocknete Lama-Föten werden hier zum Verkauf angeboten. Sie werden als Gabe für Pachamama (Quechua: Mutter Welt) verwendet. Entweder um “Danke” zu sagen, oder um irgendetwas zu bitten. Für eine Bitte muss aber ein Hexendoktor engagiert werden und die Größe des toten Tieres richtet sich nach der Größe des Wunsches. Dann wird das Tier mitsamt einer Repräsentation des Wunsches (z.B. ein kleines Auto aus echtem Zucker) abgefackelt. Bei ganz großen Bitten, wie z.B. einem neuen Haus, reicht ein Tier-Opfer nicht mehr aus und deshalb findet man wohl bis heute immer wieder menschliche Überreste bei Baustellenarbeiten.

Einige sind schon etwas älter

Am Anfang mochten wir La Paz nicht und am Ende waren wir uns auch nicht so sicher. Die Stadt ist einfach “krass”.

Die Kommentare sind geschlossen.