Viva la revolución

Viva la revolución

Die Reise ging weiter von Buenos Aires nach Cordoba. Wie immer war dies mit dem Problem “Busticket buchen” und “Bus am Bahnhof finden” verbunden. Leider stand auf unserem Bus nämlich nicht Cordoba sondern irgendwas anderes drauf, so dass wir nur durch Zufall (und dem Drängen von Ine doch mal nach zu fragen) unseren Bus erwischten. Eigentlich sollte man erst die ganzen Fahrpläne und die Landkarte auswendig lernen.

Wieder mal am Busbahnhof

Man muss wissen, dass in Argentinien viele alltägliche Dinge so unnötig kompliziert gestaltet sind, dass man sich oft nur noch wundern kann.

Es könnte alles so einfach sein

Beginnen wir mit dem angesprochenen Thema “Buchen eines Bustickets”. Zunächst gibt es einige große Online-Buchungsportale, bei denen, so könnte man annehmen, einfach online ein Ticket für den nächsten Stop gebucht werden kann. Manchmal funktioniert es sogar, aber oft sind die benötigten Busse dort einfach nicht verfügbar oder das “System ist gerade nicht erreichbar”.

In dem Falle, dass die Online-Buchung funktioniert, ist die einzige Hürde die man noch nehmen muss diejenige, dass man sich einen Print-Shop suchen muss, der einem das gebuchte Ticket ausdruckt. Es gibt zwar Mobile-Tickets, aber keine Busgesellschaft besitzt ein Gerät mit dem sie den QR-Code auf dem Handy abscannen kann. Das nächste Problem welches sich dann ergibt: Die Siesta! Von ca. 13 Uhr bis 17 Uhr ist die gesamte Innenstadt nämlich komplett lahmgelegt. Dann sieht man nur noch “Cerado”-Schilder an den Geschäften und es bleibt einem eigentlich auch nicht mehr viel anderes übrig als einfach selbst schlafen zu gehen und erst um 17 Uhr wieder los zu ziehen. Hat man sich dann ein Ticket ausdrucken lassen, geht man (nicht zur Siesta!!) zu einem der Ticketschalter am Ortsrand (2-3km Marsch), tauscht dort sein mühevoll gedrucktes Ticket gegen ein anderes Ticket um und darf mit diesem dann am nächsten Tag in den Bus einsteigen. Natürlich darf man das Trinkgeld für den Gepäck-Mann nicht vergessen, sonst wird das Gepäck wahrscheinlich gleich in die nächste Gosse verfrachtet 🙂

Falls die Online-Bussysteme wirklich komplett streiken und man zwischen 13 und 17 Uhr ein Ticket braucht, ist dies übrigens schlicht und einfach unmöglich: Die Schalter haben geschlossen und Automaten gibt es nicht. Es ist so, als würde die Deutsche Bahn mittags 4 Stunden lang alle Fahrkahrtenautomaten abschalten.

Wir werden ja oft gefragt, was wir den ganzen Tag so machen… und tatsächlich gehen sehr oft ganze Tage dafür drauf nur um einen Bus zu buchen, Geld abzuheben, eine Unterkunft zu finden oder in einen Supermarkt zu gehen.

Also nächstes Thema: Supermarkt! In den kleineren Läden sollte man nicht auf die Idee kommen mit großen Scheinen zu bezahlen. Wechselgeld gibt es so gut wie nicht! Oft wurden wir einfach wieder weggeschickt. Dabei sei gesagt: Die Supermarkt-Preise hier sind ungefähr so hoch wie bei uns in Deutschland und wir wedeln natürlich nicht mit 100€ Scheinen rum. Wir reden davon, dass es unmöglich ist, zwei Brötchen für den Gegenwert von ca. 50 Cent mit einem 100 Pesos-Schein zu bezahlen, der ca. 2,50€ wert ist. Die großen Supermärkte haben meistens Wechselgeld, dafür aber andere Absurditäten zu bieten: Irgendwer hat mal die Sparmaßnahme eingeführt, dass nur die Fleischtheke eine Waage besitzen darf. Also geht man mit seinem Gemüse oder seinen Brötchen zum Fleischer und lässt dort auf der Fleischwage die Paprika wiegen (Ein Albtraum für Vegetarier 😀 ). An der Kasse kann man dann einen Sofortkredit aufnehmen, mit dem die Paprika in bequemen 3-Monatsraten abgestottert werden können. Vielleicht sind die Schlangen an den Kassen auch deshalb so lang…

Der Paprika an der Fleischtheke

Schlange stehen ist übrigens auch an den Geldautomaten ein großes Hobby: Morgens wenn der Lieferwagen mit der Kohle anrollt, stehen schon dutzende Menschen vor den Banken bereit, um an ihr Geld zu kommen, denn meist mittags sind die Automaten schon wieder leer. Für eine Abhebung (Maximalbetrag ca. 85 Euro – bei wie gesagt deutschem Preisniveau im Land) zahlt man übrigens meist satte 10 Euro Gebühr.

Lange Schlangen, um an Geld zu kommen. Suchbild: wo bin ich?

Irgendwie ist es ein charmantes Chaos bei dem man sich aber des Öfteren an die Stirn greifen muss. Wir fragen uns, ob die Abläufe einfach angestaubt sind und sich so entwickelt haben und ob das Ganze für die Leute hier “normal” ist?! Zumindest wissen wir, dass alle Argentinier die Banken hassen, also ist die Geschichte mit dem Geld ganz und gar nicht normal. Von einer Inflation in die nächste… das haben auch diese wirklich geduldigen Menschen hier so langsam dicke.

Aber eins können sie: Grillen! Und wenn man bei einem Glas Rotwein bei einem Asado sitzt, argentinischer Folklore lauscht und sich umschaut, so blickt man in freundliche, fröhliche und lebensfrohe Gesichter. In diesem Moment ist wieder alles verziehen… und vielleicht funktioniert Argentinien genau deswegen 🙂

Gegrillt werden kann überall und auch zwischen 13 und 17 Uhr

Cordoba – Das Zentrum der Revolutionen

Als Universitätsstadt war Cordoba wohl schon immer eines der Epizentren von Revolten und Aufständen. Und noch immer wirkt die Stadt sehr “links”, die Kunst- und Kulturszene boomt und Ausstellungen und Museen machen auf die schrecklichen Geschehnisse in der Vergangenheit aufmerksam. So lernten wir beispielsweise, dass zum Beginn der Militärdiktatur 1976 etliche Rebellen einfach so “verschwunden” sind. Regimegegner wurden von der Straße gefischt und in meist unauffälligen verlassenen Gebäuden eingelagert, gefoltert und getötet. Eines davon haben wir uns in Cordoba angeschaut. Dort wird den Opfern dieser Zeit so gut es geht gedacht (Siehe Titelbild: Hunderte Flugblätter mit Fotos der damals Verschleppten hängen in den Straßen Cordobas aus).

Eine interessante Seite zu diesem dunklen Kapitel in der Geschichte Argentiniens: https://www.planet-wissen.de/kultur/suedamerika/argentinien/pwiediemilitaerdiktaturvonbis100.html

Zellen aus der Zeit der Militärischen Diktatur

Auch sonst gibt es in Cordoba viel zu sehen. Wunderbare Kirchen zieren die Marktplätze, Künstler ziehen durch die Straßen, Handwerksmärkte finden sich in kleinen verstecken Gassen und sobald es Nacht wird, verwandelt sich Cordoba in ein Mekka für das feierwütige Volk. Auf den Straßen wird ausgelassen gefeiert, Mate getrunken, getanzt und gelacht.

Markplatz in Cordoba
Cappuccino Kirche
Blick aus unserem Fenster
Hier trifft man sich, sobald sich der Tag dem Ende neigt
Unsere Straße. Oben bei Nacht, unten bei Tag

Das Haus in dem einer der größten Revoluzer der Geschichte als Kind wohnte, findet sich nur wenige Kilometer weit von Cordoba entfernt in Alta Gracia. Die Rede ist von keinem Geringeren als Ché Guevara: Star unserer Jugendzeit – und obwohl man sich damals mit der Geschichte noch gar nicht so gut auskannte – ein rotes Ché-Shirt hatten einige von uns im Schrank und sein Anlitz war und ist der Inbegriff der linken Revolution. Es war interessant zu sehen wie er als Kind gewohnt hat. Nämlich ganz und gar nicht in ärmlichen Verhältnissen. Das schöne und geräumige Haus liegt in einer tollen Wohngegend und bevor Ché auf seine Reisen aufbrach, hatte er eine wohlbehütete Kindheit.

Chés Haus
Chés Scheißhaus
Ché und ich
Die Kommentare sind geschlossen.