Die Osterinsel – eine Liebe auf den zweiten Blick

Die Osterinsel – eine Liebe auf den zweiten Blick

Auf jeder größeren Reise kommt einmal der Zeitpunkt des moralischen Tiefpunkts und der sogenannte Reisekoller schlägt erbarmungslos zu. Unser erster Reisekoller erwartete uns in Rapa Nui.

Bienvenidos a Rapa Nui

Schon als Kind träumte ich von diesem Ort. Im fernen Pazifik, voller Magie und unerklärlicher Phänomene. Ob das nur am dritten Level von Super Mario Land auf dem Gameboy lag, weiß ich nicht…

Als wir auf den Osterinseln ankamen und vom Flugzeug aus durch die kleine Empfangshalle stapften, nicht mehr als ein Holzhaus mit Bambusdach, wägten wir uns erneut im Paradies. Die Luft war angenehm warm und eine frische Brise zog über die Insel. Es war das erste mal in unserem Leben, dass wir südamerikanischen Boden betraten. Ein Taxifahrer erwartete uns bereits mit Blumenketten und einem “Bienvenidos a Rapa Nui”. Die Fahrt dauerte nicht lange und schon wurden wir an unserem kleinen Häuschen abgesetzt, wo der Taxifahrer dann auch gleich wieder verschwand. Das Häuschen hatten wir bereits zuvor über Air B’n’b gemietet, weil es sehr schön aussah und recht gute Bewertungen hatte. Was uns erwartete: ein vor einigen Wochen vielleicht mal geputzter Bungalow, tote Kakerlaken in den Ecken, eingestaubtes Geschirr, fragwürdige Bettbezüge, vergammelte Essensreste im Kühlschrank… und niemand weit und breit der uns in Empfang nehmen wollte. Da standen wir also nun ohne einen Pesos in den Taschen, ohne Ansprechpartner, ohne Internet oder Telefon und als Proviant eine halbe Flasche Leitungswasser von Flughafen Tahiti. Willkommen in Südamerika.

Der beeindruckende Flughafen in Rapa Nui

Nachdem wir uns halbwegs arrangiert hatten (gekehrt, geputzt, unsere Sachen sicher verstaut), fanden wir aber recht schnell einen Supermarkt und eine Bank, womit die Grundbedürfnisse erst einmal gedeckt gewesen wären. Die einzige “Stadt”, Hanga Roa, fanden wir gleich richtig toll und die Chilenen waren alle sehr nett und hilfsbereit (auch wenn unser Spanisch noch sehr brüchig ist). So waren wir nach ein paar Bratkartoffeln am ersten Abend wieder frohen Mutes… und dann wurde es Nacht.

Irgendjemand hielt es wohl für eine gute Idee seinen Hund direkt vor unserem Schlafzimmer anzuketten (wohl schon seit Tagen). Als dann nachts die Straßenhunde mit ihren nächtlichen Gesängen begannen und die Katzen den angeleinten Hund ärgerten, war an Schlaf nicht mehr zu denken. Vorallem als dann noch eine Kakerlake aus meinem Kissen krabbelte.

Völlig gerädert standen wir am nächsten Tag auf der Matte und hatten einen leichten Nervenzusammenbruch… naja immerhin fragten wir uns zum ersten mal, wieso man an den hintersten Zipfel der Welt fliegen muss, wenn man auch im schönen Zuhause sein könnte. Die Frage sollte uns beantwortet werden, als wir beschlossen ein Quad zu mieten und die Insel zu erkunden. Die Osterinsel ist einer der schönsten Orte und vielleicht der beeindruckendste, den wir jemals gesehen haben. Die seit tausenden von Jahren über die Insel verstreuten Moais (riesige Steinköpfe) und die gespenstische, dennoch farbenfrohe Landschaft lassen diesen Ort mysteriös und magisch wirken. Eine Art von Energie liegt in der Luft. Diese Energie bestärkte uns, entfachte die Reiselust und unseren Mut erneut. Die Ureinwohner, welche die Moai errichteten, nannten die Energie die in einem Menschen schlummert Mana. Und wenn unser Mana nach unserer Ankunft erschöpft war, dann wurde es nun wieder aufgeladen! Wir können zwar keine tonnenschweren Steinsköpfe aus einem Berg hauen und sie kilometerweit an den Rand der Insel transportieren, aber wir bandeln mit Südamerika an und beginnen jetzt, nach einigen Säuberungsaktionen, uns auch mit unserem Häuschen anzufreunden. Mittlerweile haben wir die Schwester unser Vermieterin ausfindig gemacht, Tage später ist sogar die Vermieterin selbst aufgetaucht und Ine ist jetzt Mama von 7 Katzen. Nach etlichen schweren Diskussionen und bösen Briefen die wir in grauenvollem Spanisch an die Türen der Vermieterin geklebt haben, weil nie jemand zuhause war, haben wir es geschafft, dass der Hund nachts losgebunden wird (sehr zum Leid der Katzen, die ihn jetzt nicht mehr ärgern).

Unser Häuschen – eine kleine Hassliebe
Cat-Lady

Wundersame Moai

Forscher schätzen die Zeit der Errichtung der ersten Moais in etwa auf 400 n. Chr. Heute sind über 800 Moais auf der Osterinsel verstreut, einige vollendet an ihren Altaren, andere noch unvollendet oder zum Transport vorbereit am Vulkan Rano Raraku, aus dessen Stein sie alle gefertigt wurden. Einige Moai sind über 20 Meter hoch und bis zu 180 Tonnen schwer. Es gibt verschiedene Theorien wie die Steinköpfe kilometerweit transportiert und wie sie letzten Endes aufgestellt wurden. Keiner jedoch kann diese Frage beantworten und so bleibt es ein Mysterium. Was aus Überlieferungen hervor ging ist, dass dieser “Megalithismus” nichts oder nur wenig religiöses an sich hatte. Eher war es ein Ahnenkult, Huldigung von Stammesoberhäuptern oder die Demonstration von Macht eines Clans. Irgendwann löste sich wohl ein anderer Kult heraus: Der Kult der Vogelmänner. Dabei ging es darum das erste Ei des Frühlings zu finden. Der glückliche(?) Finder wurde dann komplett rasiert, ein Jahr weggesperrt und war der neue heilige “Vogelmann”. Einleuchtend, oder? Alte Fels-Zeichnungen des Vogelmann-Kults haben wir auf einem der drei Vulkane in Orongo bestaunen können.

Noch vor 1722, als sie Osterinsel durch die Europäer entdeckt wurde, begannen interne Kriege und Krisen. Durch die durch die Kolonialisierung auftretenden Konflikte und eingeschleppte Krankheiten wurden die Ureinwohner Rapa Nuis fast komplett ausgerottet. So gibt es nun niemanden mehr, der die absolute Wahrheit über die Moais und den Kult der Vogelmenschen kennt.

Viele viele Moai
… und einige schon umgekippt. Ine stellt das mal nach!
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